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NRW rechtsaußen

Freispruch nach Alemannia-Randale

Aachen. Im Zweifel für den Angeklagten: Aufgrund widersprüchlicher Zeugenaussagen hat das Amtsgericht Aachen gestern ein Mitglied der teils von Rechtsradikalen unterwanderten „Karlsbande Ultras“ (KBU) vom Vorwurf der Körperverletzung und der Beleidigung freigesprochen. Der heute 22-Jährige aus Herzogenrath sollte bei einem Auswärtsspiel in Saarbrücken ein Mitglied der antifaschistischen „Aachen Ultras“ (ACU) geschlagen und als „Jude“ tituliert haben. Zeugenaussagen zufolge war der Disput der Auslöser für schwere Tumulte und Schlägereien zwischen KBU-Anhängern und deren Umfeld auf der einen sowie den ACU-Leuten auf der anderen Seite.

Am 7. August 2012 spielte Alemannia Aachen gegen den 1. FC Saarbrücken. KBU-Leute, rechtsgerichtete Fans aus deren Umfeld und einzelne Vertreter der „Alemannia Supporters“ sollen dabei kurz nach Spielende die ACU angegriffen und deren Anhänger teils schwer verprügelt haben. Mehrere Menschen wurden verletzt. Die Massenschlägerei war eine weitere Eskalation im „Alemannia-‚Fan-Krieg’“ (Lokalpresse) zwischen den eher linken ACU und rechtslastigen Problemfans von Alemannia Aachen.

Der Auslöser für die Gewalt war dabei seinerzeit eher eine Kleinigkeit. Rund zehn Personen mit bundesweitem Stadionverbot waren mit den beiden KBU-Bussen nach Saarbrücken mitgereist. Das Fußballspiel hatten sie sich, anders als der Rest der Gruppe, nicht im Stadion, sondern in einer Kneipe im TV angesehen und dabei teils erheblich dem Alkohol zugesprochen. Kurz vor Spielende waren die „Stadionverbotler“ dann zum Stadion gegangen und offenbar durch Polizisten in den abgesperrten Bereich geleitet worden, um zu ihren Bussen zu gelangen. Wegen vorangegangener Auseinandersetzungen verließen kurz nach Spielende dann die ACU vor den KBU-Leuten das Stadion in Richtung Busparkplatz. So sollten eigentlich neue Konflikte verhindert werden.

Die ACU trafen dann jedoch ausgerechnet auf die „Stadionverbotler“ und wurden von diesen offenbar provoziert, unter anderem wurden sie als „Lutscher“, „Schwuchteln“ und „Juden“ tituliert – in rechtsextremen und rechtsaffinen Kreisen gilt derlei als Schimpfworte. Einer der „Stadionverbotler“, der sich am Montag vor dem Amtsgericht verantworten musste, trug dabei offenbar stark zur Eskalation bei. Er war zu einem der ACU gegangen und will sich dann über dessen Frisur lustig gemacht und ihm über die Haare gestrichen haben. Das Mitglied der ACU hatte ausgesagt, sein Gegenüber habe ihn seinerzeit bedroht und „Jude“ genannt. Dann sei ihm ins Gesicht geschlagen worden, er sei am Auge verletzt und die Brille beschädigt worden.

Die Beweislage diesbezüglich nannte die Richterin am Montag jedoch „äußert unklar“. Der Angeklagte bestritt den Schlag und sagte ebenso aus, dass er sein Gegenüber nicht „Jude“ genannt habe. Angesichts seiner eigenen politischen Vergangenheit – zeitweise war er in linken Gruppen aktiv – nutze er derlei Begriffe nicht, der Prozess und die ihn belastenden Aussagen seien für ihn deswegen auch „eine Farce“. Das Opfer blieb indes bei seiner Version. Zeugen stützten derweil in unterschiedlichen Varianten die Aussagen des Angeklagten, so sie Mitglieder der KBU waren – wie etwa ein rechtsradikaler Hooligan –, oder die Version des Opfers, so die ACU-Vertreter.

Videoaufnahmen, die als Beweismaterial auf einem Laptop gesichtet wurden, konnten nicht zu Erhellung beitragen. Sowohl Opfer als auch der Angeklagte gaben an, auf dem Videomaterial sei die Situation deutlich zu sehen gewesen, als man ihnen bei der Polizei die Filmsequenzen vorgespielt und teilweise herangezoomt habe. Das Opfer wollte darauf den Schlag erkannt haben. Der Angeklagte sagte indes aus, auf den Bildern sei zu erkennen gewesen, dass er nicht zuschlage. Eine Klärung anhand des Filmmaterials war jedoch nicht möglich: Weder war der Beamte als Zeuge geladen, der das Material ausgewertet hatte, noch konnte das Gericht den Film in hoher Auflösung sichten.

Die Staatsanwältin sah in ihrem Plädoyer dessen ungeachtet die Tat als erwiesen an. Da der Angeklagte schon vier Einträge in seinem polizeilichen Register hat und schon einen Freizeitarrest absitzen musste, sei laut Jugendstrafrecht nun eigentlich ein Dauerarrest die zu erwartende Konsequenz für den jungen Mann, sagte die Staatsanwältin. Damit die Ausbildungsstelle des Heranwachsenden jedoch nicht gefährdet werde, plädierte sie für zwei Freizeitarreste und die Anordnung von Schadenersatzzahlungen an das Opfer. Die Richterin sprach den 22-Jährigen, den sie zwar für „nicht ganz unschuldig“ an dem Konflikt ansah, dennoch frei. Die „grundverschiedenen“ Schilderungen des Angeklagten, des Opfers und der übrigen Zeugen ließen keine Verurteilung zu. (mik)