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NRW rechtsaußen

Aachener Drogenring mit Neonazi-Beteiligung

Aachen. Gemeinhin geht man davon aus, dass Rechtsextremisten, Neonazis und NPD-Sympathisanten mit Drogen nichts zu tun haben (wollen). In ihrem Parteiprogramm fordert die NPD, dass „die Bekämpfung der Drogenkriminalität“ eine „hohe Priorität“ haben müsse und „Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz“ deutlich „härter zu ahnden“ seien. 2007 forderte eine Neonazigruppe aus der Region nicht nur die „Todesstrafe für Kinderschänder“, sondern ebenso für Drogendealer. Zwei Neonazis dürften derlei wahrscheinlich anders sehen.

Als nämlich in den Jahren 2010 und 2011 Drogenermittler von Polizei und Zollbehörde umfangreiche Ermittlungen, Telekommunikationsüberwachungen, Observationen und schließlich Hausdurchsuchungen gegen einen Drogenhändlerring im Aachener Ostviertel und dessen Kundschaft durchführten, geriet ein Neonazi ganz besonders ins Visier der Behörden. Einer seiner „Kameraden“ bekam diesbezüglich eher als eine Art Beifang Probleme. Gehandelt wurde offenbar im großen Stil mit Cannabis-Produkten und Aufputschmitteln.

Beide Personen nahmen seit ungefähr 2002 an rechtsextremen Aktivitäten teil, etwa an Aufmärschen in Stolberg. Einer der beiden fungierte 2002 sogar als Ordner eines solchen Aufmarsches. Anfang 2006 gehörte einer der beiden dann laut Szenequellen zu den drei Gründern einer rund zwei Jahre lang aktiven Neonazi-Gruppe namens „Sturmbund Aachen“ (SBA). Zu Beginn trat der SBA auch als „Kameradschaft Sturmbund Aachen“ auf. Der SBA unterhielt enge Kontakte zur NPD.

Einer der beiden später wegen Drogendelikten aufgefallenen Neonazis trat auf einem SBA-Flugblatt sogar als presserechtlich Verantwortlicher in Erscheinung. Während sich dieser Neonazi jedoch seit Ende 2006 wegen Drogendelikten und auch aufgrund einer längeren Haftstrafe mehr und mehr als Aktivist aus der Braunszene zurückzog, blieb sein „Kamerad“ weiter aktiv und nahm mehrfach an den fremdenfeindlichen Hetzmärschen in Stolberg teil, etwa auch im April 2011 als Fahnenträger.

 

Schon 2003 hatte diese Person im Raum Düren an einem Spontanaufmarsch der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) teilgenommen, 2006 dann ein „Erntedankfest“ der KAL und NPD besucht. 2007 war er Teilnehmer eines nächtlichen Spontanaufmarsches im linksalternativ geprägten Frankenberger Viertels in Aachen, wobei rund zehn Neonazis fremdenfeindliche Naziparolen grölten. Eigenangaben und Zeugenaussagen zufolge konsumierte dieser Neonazi in jenen Tagen schon Haschisch, offenbar tat er das auch bis 2011 weiter.

Im Jahr 2011 stand der Aachener im Machtkampf zwischen einerseits NPD-Kadern aus Düren und der KAL und andererseits dem NPD-Landesverband und dem NPD-Kreisverband Aachen rund um dessen Chef Willibert Kunkel auf Seiten des Kunkel-Flügels. Dieser Neonazi war zudem auch schon früh in seiner Laufbahn als Rechtsextremist mit dem Gesetz in Konflikt geraten, etwa, weil er Naziparolen gegrölt, einen Migranten attackiert sowie rechte und antisemitische Parolen auf Autos und Wänden gesprüht hat.

 

Beide Neonazis, die auch Ziel der Ermittlungen wegen des Drogenringes wurden, tragen germanische und nationalsozialistische Tätowierungen auf ihrer Haut und gehören eher dem klassischen Spektrum der Neonazi-Skinheads an. Im Zuge der Razzia gegen den Drogenhändlerring fand man bei beiden Personen auch umfangreiches Material wie Nazidevotionalien und NPD-Propaganda. Vor Gericht saß einer der beiden kürzlich mit dem Aufnäher einer Reichsflagge auf seiner Jacke auf der Anklagebank und gab seine rechte Gesinnung offen zu.

 

Der schon wegen Drogendelikten inhaftierte „Kamerad“ sagte als Zeuge bei jenem Gerichtstermin am 5. Dezember aus, beide seien weiterhin „national eingestellt“. Erstaunliche Aussagen für einen Neonazi, der im Verdacht steht, entweder gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin – eine der offenbar führenden Personen besagten Händlerkreises – entweder gedealt, zumindest aber wissentlich deren „Waren“ ausgeliefert zu haben.

Auch sein bis 2011 in der Neonazi-Szene weiter aktive „Kamerad“ stand nach einer Hausdurchsuchung im Verdacht, mit Cannabis-Produkten gedealt zu haben. Der Vorwurf des Handels ließ sich jedoch nicht gerichtsfest belegen, lediglich ein unerlaubter Besitz von rund 20 Gramm Marihuana und einer entsprechenden Pflanze standen fest.

Besagter Drogenring bestand überwiegend aus Deutschen und vereinzelt auch niederländisch stämmigen Personen. Zu den Kunden und Händlern gehörten meist Personen aus der Kiffer- und Technoszene. Einige der Beteiligten sitzen unterdessen Haftstrafen ab, gegen andere laufen noch Ermittlungen beziehungsweise sollen offenbar weitere Prozesse folgen. (mik)