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„Die Rechte“-Aufmarsch: Drohgebärden gegen „Volksverräter“

Aachen. Auf der einen Seite bunte Vielfalt – auf der anderen blanker Hass. Rund 1.300 Menschen haben am Samstagabend in Aachen bei verschiedenen Aktionen gegen einen rassistischen „Fackelmarsch“ von knapp 100 Neonazis demonstriert. Der Großteil der Nazigegner versammelte sich am Elisenbrunnen zu einer Kundgebung mit multikulturellem Fest und setzte so ein Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit und für Toleranz.

Oberbürgermeister Marcel Philipp hatte im Vorfeld angekündigt, die „Geschlossenheit der Aachener Gesellschaft“ werde den Neonazis klar machen, dass sie in der Kaiserstadt „nichts zu suchen“ hätten. Ralf Woelk, Geschäftsführer des Regionalverbandes des DGB, hatte zudem darauf hingewiesen, dass man mit der „geballten Ladung Multikultur“ der auftretenden Künstler und Musiker bewusst ein Zeichen gegen den Slogan der Braunen setze. Deren „Fackelzug“ richtete sich gegen die multikulturelle Gesellschaft.

 

Mehr als 1000 Menschen beteiligten sich an der Kundgebung am Elisenbrunnen. Foto: Dominik Clemens

Bei der Kundgebung am Elisenbrunnen sorgten denn auch Musiker und Künstler für gute Stimmung, die zwar in Aachen leben, teilweise aber aus vielen Teilen der Erde zugezogen sind und nun das Kulturleben bereichern. OB-Philipp rief vor den Nazigegnern dazu auf, man wolle „eine solidarische Gesellschaft“ sein. Leitgedanke müsse die Humanität sein, mit ihren Protesten bewiesen die Menschen, dass Aachen „eine internationale und aufgeschlossene Stadt“ sei. Der 92-jährige Hein Kolberg, Gewerkschafter und Zeitzeuge, mahnte an, die Gräuel des Nationalsozialismus dürften sich nie wiederholen. "Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!" - für diesen Appell erhielt Kolberg viel Beifall.


Sitzblockade stoppte die Neonazis nur zeitweise

Eine weitere Kundgebung, angemeldet von der Linksjugend, fand am Hauptbahnhof statt. Dort und am Rande des Aufmarsches protestierten zeitweise bis zu 300 Nazigegner mit Pfiffen, Buh-, „Haut ab!“- und „Nazis raus!“-Rufen sowie teils ohrenbetäubendem Lärm gegen das gespenstig wirkende braune Spektakel. In Fenstern, an Verkehrsschildern und Bäumen war der Weg der Neonazis zudem großflächig mit Plakaten – Aufschrift: „Wir sind Aachen – Nazis sind es nicht“ – dekoriert. Am Hauptbahnhof hatten kurz vor dem Abmarsch der Neonazis Antifaschisten auch versucht, diese mit einer kleinen Sitzblockade zu stoppen. Vergeblich – die Polizei leitete mit Verzögerung den braunen Spuk einfach an der Blockade vorbei.

Eine Sitzblockade von Neonazi-Gegnerinnen und -Gegnern verzögerte den Aufmarsch. Foto: Michael Klarmann

Anwohner riefen den Neonazis dann ihren Unmut aus Fenstern, von Balkonen und Dachterrassen entgegen, als diese vom Hauptbahnhof aus nach Einbruch der Dunkelheit und begleitet von einem massiven Polizeiaufgebot zum Stadttheater zogen. Dort hielten sie eine Kundgebung ab. Eigentlich hatten die Neonazis dann weiter über die Franzstraße zum Marschiertor ziehen wollen. Weil sich aber auf und an der vorgesehenen Route eine größere Gruppe Antifaschisten befand, leitete die Polizei die Neonazis wieder über die Theaterstraße zurück in Richtung Hauptbahnhof und bis zu dem ehemaligen Stadttor, wo eine weitere Kundgebung stattfand.

Eine Anspielung auf Aufmärsche der NSDAP: Vor der Kulisse des Marschiertors hielten die Neonazis eine Kundgebung ab. Foto: Michael Klarmann

Die Demonstration angemeldet hatte der Kreischef André Plum der Splitterpartei „Die Rechte“ (DR). Der „Fackelmarsch“ sollte der Auftakt einer Kampagne unter dem Motto „Multikultur tötet!“ sein. DR-Kreisverbände aus dem Rheinland wollen im Rahmen der Kampagne künftig Flugblattverteilungen, Kundgebungen und Demonstrationen im gesamten Rheinland abhalten.

Die Neonazis brüllten am Samstagabend „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“ und „Aachen erwache“, angelehnt an die verbotenen NSDAP-Parole „Deutschland erwache“. „Alles für Volk, Rasse und Nation!“ schallte es durch Teile der Innenstadt, während die Neonazis mit Fackeln und Grablichtern durch die Straßen zogen. Ähnlich von Drohungen, Rassismus und Fremdenhass, aber ebenso indirekt geäußertem Antisemitismus geprägt waren auch die Redebeiträge. Gegen einen der Redner eröffnete die Polizei ein Strafverfahren, weil er in einer Rede den Staat verunglimpft haben soll.


Drohung gegen "Volksverräter"

So hatte etwa Björn R. (Ahlen, Hamm) mittels antisemitischer Andeutungen ausgeführt, die „Marionettenregierung in Berlin steuert unser Volk wissentlich und unaufhaltsam unter dem zufriedenen Blick der herrschenden Volksfeinde in den Volkstod.“ Grund für den „Volkstod“ sei die Zuwanderung, derlei Handeln sei aber „Hochverrat an unserem Volke“. Und weiter drohte der Neonazi: „Wenn eine andere Fahne über dem Reichstag weht, wer weiß dann schon, was uns so ein Leben dieser Volksverräter noch wert sein wird.“ Gerwin J. (Kreis Heinsberg), ehemaliger Kader der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL), drohte in Richtung Politik: „Wir kämpfen bis ihr wach werdet!“

Michael Brück (Dortmund), der stellvertretende DR-Vorsitzende des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, sprach zu den „Kameraden“. Laut Brück sei es ein „Verbrechen am eigenen Volk“, wenn die Politik angesichts armer Deutscher nicht aufhöre „Fremde zu importieren und auf Kosten des Steuerzahlers durchzufüttern“. Auch Plum (Aachen), ebenso wie J. ehemaliger KAL-Kader, äußerte sich indirekt antisemitisch, indem er fabulierte, jene Politik würde „von Übersee gesteuert“. Die Zuwanderung finde allerdings nur statt, damit der „Volkskörper [...] zersetzt“ werde, um so „das Deutsche in den Hintergrund zu drängen.“

Der DR-Redner Matthias D. (Wuppertal), der selbst schon auf die Verbüßung einer Haftstrafe zurückblicken kann, schimpfte vor den über zahlreiche junge und kriminelle Migranten „in den Knästen der Republik“. Der junge Neonazi umschrieb das heutige, demokratische Deutschland als „finstere Zeit, die finsterste Zeit, die unser Land jemals erlebt hat.“ D. glorifizierte wenige Minuten nach dieser Aussage dann aber den Nationalsozialismus, weil er seine Rede mit einem Zitat „des allergrößten Staatsmannes aller Zeiten“ beendete, dessen Namen er jedoch im heutigen Deutschland nicht aussprechen dürfe. Es folgte ein Zitat von Adolf Hitler.

Sven Skoda (Düsseldorf), ursprünglich von der Partei „Die Rechte“ als Spitzenkandidat für die Wahlen zum Europaparlament vorgesehen, wetterte in Aachen gegen „kulturfremde Menschen“, die hier lebten ohne sich „unterzuordnen“. Wären er und die „Kameraden“ wirklich „Nazis“, so wie die Gegendemonstranten glaubten, und würde es stimmen, was in den Geschichtsbüchern über die Nazis stehe, dann seien Migranten in Deutschland dereinst wohl nur „Beute“, rief Skoda bei einer der Kundgebungen aus. Freilich sei man „vernünftig“, niemand wolle Gewalt anwenden, relativierte Skoda die Drohgebärde umgehend.


Weither angereiste Neonazis

Dieser Redner, aber auch weitere Teilnehmer des Aufmarsches wie Paul B. (Köln), Sebastian Z. (Rhein-Erft-Kreis) und Christian H. (Landkreis Ahrweiler) müssen sich derzeit wegen Unterstützung oder Mitgliedschaft in dem als kriminelle Vereinigung angesehenen „Aktionsbüro Mittelrhein“ (ABM) vor dem Landgericht Koblenz verantworten. Und ungeachtet dessen, dass geschätzte 80 Prozent der Neonazis etwa aus Köln, Hamm, Dortmund, Wuppertal, dem Landkreis Ahrweiler und sogar München angereist waren, behaupteten sie selbst in einem ersten eigenen Bericht über den „Fackelmarsch“, „Aktivisten aus Aachen und dem Aachener Umland“ seien durch die Kaiserstadt marschiert.

Diesen Propagandatrick hatte während des Aufmarsches auch Timm M. (Aachen) verbreitet, der als Einpeitscher über den Lautsprecherwagen den „Kameraden“ zeitweise die Parolen vorgab, die sie skandieren sollten. Der neonazistische Musiker, früher im engsten Umfeld der verbotenen KAL aktiv, leitete einige der Parolen auch mit kurzen Redebeiträgen ein. So krakelte er auf dem Weg zum Marschiertor etwa: „Wir gehen hier nicht mehr weg. Wir sind Aachener. Wir leben hier, wir arbeiten hier und wir kämpfen hier und hier sterben wir. Anders kriegt ihr [die Gegendemonstranten, mik] uns hier nicht weg. Denn trotz Verbot sind wir nicht tot. [...] Aachen erwache!“

Wegen der Versammlungen und weiträumiger Absperrmaßnahmen durch die Polizei kam es zwischen 16 und 22 Uhr in großen Teilen der Innenstadt zu erheblichen Verkehrsbeeinträchtigungen, Reisende konnten zeitweise den Bahnhof nicht betreten. Fast 1.000 Polizisten aus ganz Nordrhein-Westfalen sollen im Einsatz gewesen sein. Die Ordnungshüter nahmen im Verlauf des Abends vier Personen in Gewahrsam. Abgesehen von kleineren Rangeleien zwischen Demonstranten und Polizisten kam es zu keinen Vorfällen. (mik)