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NRW rechtsaußen

Rechte Gewalt in Wassenberg: Platzverweise bei Kundgebung nach rassistischem Angriff

Wassenberg/Region Aachen. Rund 300 bis 350 Menschen haben am gestrigen Dienstagabend in Wassenberg (Kreis Heinsberg) mit einer Mischung aus Kundgebung und Andacht ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit gesetzt. Im Vorfeld der Mahnwache erteilten Polizisten im räumlichen Umfeld sieben Rechten Platzverweise und verhinderten so möglicherweise Störungen. 

Anlass für die Demonstration war ein Angriff auf drei Asylsuchende durch sieben vermummte Personen, die einer Gruppe von Neonazis und rechtsaffinen Jugendlichen aus der Gemeinde und angrenzenden Orten angehören sollen. Ausgerechnet am Dienstag, den 27. Januar – dem Holocaust-Gedenktag -, attackierten sieben Vermummte drei Asylbewerber an der Haltestelle des Busbahnhofs am Ludwig-Essers-Platz. Die Täter waren teilweise mit Schlagstöcken bewaffnet und riefen fremdenfeindliche Parolen. 

Eines der Opfer wurde schwer verletzt und kam für einen Tag zur stationären Behandlung in ein Krankenhaus. Die Begleiter des Mannes blieben weitgehend unverletzt, wohl auch, weil Zeugen der Tat rasch die Polizei riefen und die Täter deswegen möglicherweise von den Opfern abließen. Die insgesamt sieben Tatverdächtigen waren offenbar zu Fuß und vermutlich in einem silbernen Pkw vom Tatort geflohen. Kurz nach dem Angriff nahmen Polizisten einen 17-jährigen Tatverdächtigen kurzzeitig fest. 

Tatverdächtiger mit Sympathien für die Neonazi-Szene  

Der in Tatortnähe gefasste Verdächtige war zuvor schon wegen rechter Delikte polizeilich aufgefallen und gilt laut Polizei als „Sympathisant der rechten Szene“. In seinen Vernehmungen bestritt er gegenüber der Polizei, etwas mit der Tat zu tun zu haben und machte keine Angaben über etwaige Tatbeteiligte. Nach Erkenntnissen des Staatsschutzes ist jedoch in Wassenberg und Umgebung seit dem Verbot der „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) im Herbst 2012 eine rechte Szene nachgewachsen, die vorwiegend aus Jugendlichen besteht. Diese Gruppe soll schon länger unter Beobachtung des Staatsschutzes stehen und unterhält Kontakte zu älteren „Kameraden“ im Raum Heinsberg und Aachen. 

Erstaunlicherweise erteilten die Polizisten am Dienstagabend,  eine Woche nach der Tat und kurz bevor die mehreren hundert Menschen in einer gemeinsamen Andacht der Evangelischen und Katholischen Kirchengemeinden ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit setzten konnten, ausgerechnet sieben jungen Leuten Platzverweise. Zum Teil sollen die Personen selbst der rechten Clique angehören und könnten demnach als Tatverdächtige gelten. Besagte Gruppe soll aus Jugendlichen und Heranwachsenden bestehen, die sich einerseits aus der rechtslastigen Fußballfan-Szene, andererseits aus familiären Bezügen zu Rechtsextremisten entwickelt haben. 

Zugleich scheinen junge Leute, die zuvor eher der alternativen HipHop-, Skater- oder Punkszene angehörten, in der Clique mitzumischen. Anders als ihre politischen Ansichten haben diese ihr äußeres Erscheinungsbild dabei nicht unbedingt geändert. Ungeachtet der neonazistischen Einstellung fielen oder fallen Vertreter der Gruppe daher nicht nur durch ein klassisch-rechtsextremes Erscheinungsbild als Neonazi-Skinheads oder „Autonome Nationalisten“ auf, sondern gleichen in Einzelfällen vom Aussehen her eher den Punks. 

Mehrere Vorfälle in Wassenberg 

Wassenberg war bereits in der Vergangenheit in Zusammenhang mit rechter Gewalt wiederholt in die Schlagzeilen geraten. So hatten etwa im Februar 2011 rund 15 vermummte und bewaffnete Neonazis und Mitglieder der „Kameradschaft Aachener Land“ gezielt eine Rockkneipe in Wassenberg angegriffen, weil man ihnen nach vorangegangenen Provokationen Hausverbot erteilt hatte. Im Juni 2011 versammelten sich in einer Nacht in Wassenberg mehrere maskierte Personen auf einer Straße in der Innenstadt, die Nachtschwärmer und Gäste besagter Rockkneipe nicht passieren lassen wollten. Drei Personen wurden aus der Gruppe heraus sogar mit gewehrähnlichen Softairwaffen beschossen und mit Pfefferspray attackiert. Zwei Personen des Trios wurden im Gesicht getroffen und erlitten blutende Verletzungen, eine Person erlitt eine Reizung an den Augen. Aus der Tätergruppe wurden laut Polizei rechte Parolen skandiert. 

Ende Juli 2011 wurden die Polizeiwache und das Rathaus in Wassenberg mit Parolen, Hakenkreuzen, „A.C.A.B.“-Schriftzug und dem Kürzel KAL beschmiert. Im September 2011 trug sich in Wassenberg dann eine sehr schwere Straftat zu. Zuerst sprachen im Umfeld eines Jugendtreffs KAL-Leute Jugendliche an. Zwei Männer begrüßten dabei Umstehende mit „Sieg Heil“ und „Heil Hitler“ und hoben den rechten Arm zum Hitler-Gruß. Es kam zu einem Streit zwischen den Neonazis sowie einem damals 47-Jährigen und dessen Lebensgefährtin, beide stammten aus der Trinker-Szene. Im Verlauf des eskalierenden Streits schlug ein KAL-Mann seinem Gegenüber mit einer Bierflasche auf den Kopf und mit der Faust ins Gesicht. Nachdem das Opfer blutend zu Boden gegangen war, traten zwei Neonazis und ein jugendlicher Mitläufer gegen Kopf und Oberkörper des Opfers. Im März 2013 verurteilte das Landgericht Aachen wegen der Tat drei ehemalige Mitglieder beziehungsweise Sympathisanten der KAL wegen gefährlicher Körperverletzung zu Haft- und Jugendstrafen, unter Auflagen ausgesetzt zur Bewährung. 

Zu einem erneuten Angriff im Umfeld der Rockkneipe in Wassenberg kam es im August 2013, als abermals Neonazis und rechtsaffine junge Leute eine Auseinandersetzung mit Gästen des Lokals provozieren wollten. Aus der Gruppe heraus wurde vor dem Gebäude eine Art Rauchbombe gezündet und es wurden Bierflaschen geworfen. Zudem sollen rechte Parolen skandiert worden sein. In Tatortnähe fasste die Polizei später vier junge Männer aus Wassenberg und Gangelt. (mik)