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Angriff von rechts: "Karlsbande Ultras" attackieren erneut Alemannia-Fans

Aachen/Saarbrücken. „Der Feind im eigenen Fan-Lager“ titelte die Lokalpresse Ende 2011 nach einem Heimspiel des Fußballklubs Alemannia Aachen. Nun liest man in der Lokalpresse von einem „Alemannia-‚Fan-Krieg’“. Hintergrund sind Angriffe und Gewalttaten von Personen, die der „Karlsbande“ angehören oder sich in deren Umfeld bewegen, gegen die „Aachen Ultras“ (ACU). Die ACU gehören für die Angreifer zur linken Szene, die Angreifer und einige Mitglieder der „Karlsbande Ultras“ (KBU) dürften Neonazis oder zumindest rechtsaffine Fans sein.

Am Dienstagabend spielte der 1. FC Saarbrücken in seinem Heimstadion gegen die Alemannia. Die Gäste gewannen mit 2:1, rund 1.400 Aachener Fans sollen ihren Verein zu dem Auswärtsspiel an die Saar begleitet und angefeuert haben. Doch nach Spielende, als die Polizei Teile der Aachener zu ihren Bussen geleiten wollte, begannen Schlägereien. KBU-Leute, rechtsgerichtete Fans aus deren Umfeld und einzelne Vertreter der „Alemannia Supporters“ sollen dabei die als links geltenden ACU angegriffen und deren Anhänger teils schwer verprügelt haben. Mehrere Menschen wurden verletzt.

KBU-Anhänger waren am Dienstag mit zwei Bussen angereist. Nach dem Angriff auf die ACU stoppten die Busse bei der Rückreise gegen 22.30 Uhr an einer Autobahnraststätte an der A1. Laut Polizei sollen dort dann rund 100 Chaoten der „Karlsbande“ provoziert und randaliert haben und im Shop einer Tankstelle teilweise die Auslagen geplünderten haben. Nach einem abgesetzten Notruf des Verkaufspersonals leitete die Polizei einen Großeinsatz ein. Laut Behördenangaben wurden Snacks gestohlen, Bierflaschen noch im Verkaufsraum geöffnet und ohne zu bezahlen mitgenommen. Die Polizei ließ die Busse zunächst zwecks Deeskalation abfahren, stoppte sie aber später an einem Parkplatz. Man versucht derzeit auch in diesem Fall, die Täter zu ermitteln.

Im Dunstkreis der Neonazi-Szene

Die „Karlsbande Ultras“ (KBU) – kurz: „Karlsbande“ – waren 2010 entstanden und hatten sich von den ACU gelöst, weil sie unter anderem deren antirassistisches und soziales Engagement nicht teilten. Auch wenn Vertreter der KBU, der mit diesen befreundeten Hooligan-Gruppen „Westwall Aachen“ und „Alemannia Supporters“ sich unpolitisch geben, gelten zumindest Teile davon als äußerst rechtslastig. Einige Rechtsradikale und vereinzelt Mitglieder der Neonazi-Gruppen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) und „Kameradschaft Alsdorf-Eupen“ (KAE) bewegten oder bewegen sich im Umkreis der KBU. KBU-Leute oder Personen aus deren Umfeld waren an Angriffen auf Antifaschisten und das „Autonome Zentrum“ (AZ) beteiligt. KBU-Leute solidarisierten sich bei dem Heimspiel gegen den Karlsruher SC im April auch auf den Rängen des Tivolis via Transparent mit einem Neonazi aus Alsdorf, der zuvor Stadionverbot erhalten hatte: „Kopf hoch Metzger! Karlsbande Ultras!“

Gewalt als Prinzip

Zwar kokettieren die KBU offen mit Gewalt, Hooliganismus und einer wild ausgelebten Proll-Attitüde. Von manchen Personen, die sich einst unter ihren Leuten aufhielten, will man indes heute nichts mehr wissen. So bewegte sich im Dunstkreis der KBU, der örtlichen Neonazi- und rechtslastigen Problemfan-Szene zeitweise auch ein junger Mann, der im Mai 2012 wegen eines versuchten Morddeliktes an einem 51-Jährigen in einem Aachener Übergangswohnheim verurteilt wurde. Der Heranwachsende wurde deswegen zu einer Jugendstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt. Den älteren Mitbewohner hatten er und ein sieben Jahre älterer Haupttäter niedergeschlagen. Dann versuchte der Haupttäter dem Opfer mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Das Opfer überlebte schwer verletzt und verblutete nur nicht, weil es mit letzter Kraft fliehen konnte.

Die Gewaltbereitschaft der KBU und deren Umfeld zeigte sich erstmals offen im November 2010 nach einem Amateurspiel zwischen Alemannia und Rot-Weiß Essen am Tivoli, als Hooligans und Problemfans versuchten, die Busse aus Essen an der Abfahrt zu hindern. 2011 kam es bei zwei Auswärtsspielen (Düsseldorf, Essen) zu Vorfällen mit Fans aus Aachen aus dem KBU-Lager und -Umfeld. Im September 2011 versuchten Hooligans und Problemfans nach einem Heimspiel einen Bus mit Fans von Greuther Fürth anzugreifen. Höhepunkt jener Vorfälle bis zum Spiel gegen Saarbrücken am Dienstag war ein Angriff von bis zu dreißig vermummten und teilweise rechtslastigen Hooligans aus Aachen auf Vertreter der ACU bei dem Heimspiel von Alemannia Aachen am 11. Dezember 2011 gegen Erzgebirge Aue.

Vertreter der „Alemannia Supporters“ stürmten dabei auf dem Tivoli in den ACU-Block, zugleich wurden die ACU von Mitgliedern der KBU aus dem Nachbarblock mit Bierbechern und Wasserbomben beworfen. KBU-Leute sollen dabei die sich antirassistisch und gesellschaftspolitisch engagierenden ACU „Juden“ und „Homos“ genannt und teilweise die Angreifer als „Kameraden“ angefeuert haben. Wenige Tage zuvor waren Vertreter der KBU und der „Supporters“ von einem durch die ACU mitorganisierten Vortrag des Autors Ronny Blaschke zum Thema „Angriff von rechtsaußen“ ausgeschlossen worden, weswegen die Polizei vermutete, die Erstürmung des ACU-Blocks sei eine Racheaktion gewesen.

Um Rache indes geht es längst nicht mehr. Bekriegen sich bundesweit üblicherweise Ultra-Gruppen gegnerischer Fußballklubs, stehlen sich gegenseitig Fanutensilien (Flaggen, Schals, Mützen, Shirts) und schmücken sich mit diesen dann als Trophäen, geht es in Aachen wohl eher um die Vorherrschaft einer Gruppe. Schon mehrfach überfielen KBU-Leute oder deren Umfeld Mitglieder der ACU und stahlen diesen dabei auch Fanartikel. Der „Alemannia-‚Fan-Krieg’“ kann indes durchaus auch als politisch motiviert angesehen werden. Auf der einen Seite die personell unterlegenen und durch einen teils interkulturellen Auftritt geprägten ACU, die sich dem Kampf gegen Faschismus, Rassismus, Gewalt und Homophobie verschrieben haben. Auf der anderen Seite die vermeintlich unpolitischen KBU, unter denen sich rechte Fans und Hooligans bewegen und von denen Beobachter und Polizisten sogar sagen, dass sie schon von rechts unterwandert seien.

Einflussreicher NPD-Funktionär

Auch der langjährige Alemannia-Fan Sascha Wagner – ein Hooligan-Urgestein aus Herzogenrath, das heute als NPD-Kader in Rheinland-Pfalz lebt – übt bis heute großen Einfluss auf Teile der Fans in Aachen aus. Wagner kommentierte bei Facebook etwa Ende 2011 nach einer Auseinandersetzung zwischen ACU und KBU, die „Zeckenultras“ seien „nach dem Angriff auf die Karlsbande in die Schranken verwiesen“ worden. Später schwadronierte er im Nazijargon von den „linksfaschistischen ACU“. Wagners Polemik und Nazipropaganda traf bei einer Reihe von Fans auf großes Verständnis.

Die Karlsbande hat sich offensichtlich zum Ziel gesetzt, die ACU von den Rängen zu vertreiben. Einzelne ACU wurden indes ebenso in ihrer Freizeit bedroht, in mindestens einem Fall kam es zu einem Überfall von Unbekannten auf ein ACU-Mitglied in dessen Wohnung inklusive Diebstahl ausschließlich der Fanutensilien. Nach der Randale an einer Raststätte und den Angriffen in Saarbrücken will Alemannia Aachen nun wieder wie im Dezember Haus- und Stadionverbote gegen identifizierbare Straftäter verhängen. Damit die Fans schnell gefunden werden, will die Alemannia die Polizei unterstützen. (mik)