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Alemannia: Zeit des Dialogs mit rechtsextremen Fans ist vorbei

Aachen. Anlässlich einer Serie von Fanausschreitungen und Angriffen durch rechte Fußballfans auf die sich gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagierenden „Aachen Ultras 99“ (ACU) will der Fußballklub Alemannia Aachen am Donnerstag Schritte vorstellen, wie man künftig auf diese Vorfälle reagieren wird. Dies wurde gestern während einer Pressekonferenz im Aachener Rathaus im Anschluss an eine Sitzung des Rundes Tisches gegen Rechtsextremismus mitgeteilt. Finanziell gestärkt werden soll zudem das Fanprojekt des Drittligisten, Finanzmittel von Stadt bzw. der Städteregion Aachen, Land und Fußballbund sollen von je 30.000 Euro auf bis zu 50.000 Euro erhöht werden. 

Gewalt von rechts 

In der Vergangenheit war es mehrfach zu Angriffen von rechtsgerichteten Fans und Hooligans auf die als links geltenden ACU gekommen. Zuletzt hatten Mitglieder oder Personen aus dem Umfeld der „Karlsbande Ultras“ (auch „Karlsbande“, kurz KBU) in Saarbrücken ACU-Mitglieder attackiert und auf der Heimreise an einer Autobahnraststätte randaliert. Unterdessen hat die Polizei drei Verdächtige identifiziert. Neben einem bundesweiten Stadionverbot wurde gegen die als „Gewalttäter Sport“ eingestuften jungen Männer aus dem Raum Aachen ebenso bei Heimspielen ein generelles Stadtverbot verhängt. 

Oberbürgermeister Marcel Philipp hatte wegen der Probleme mit rechtsextremen Fans für den 20. August den Runden Tisch einberufen. Dessen Mitglieder wurden dabei von Christian Außem, ständiger Einsatzleiter der Polizei auf dem Tivoli, über gewaltbereite Fans und die Ultra-Szene aus Sicht der Ordnungshüter informiert. Die Erwartungen mancher Teilnehmer wurden dabei nicht erfüllt, denn es gab wenig konkretes zur polizeilichen Einschätzung der „Karlsbande“ zu erfahren.

Zudem bezog Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer ausführlich Stellung. Aus städtischer Sicht wurde über die Jugendarbeit und das Fanprojekt des Fußballklubs informiert. Hervorgehoben wurden etwa der beim Fachbereich Kinder, Jugend und Schule angesiedelte „Fonds gegen Gewalt und Rassismus“, aus zahlreiche Projekte zur Gewaltprävention und Aufklärungsarbeit gegen Rassismus gefördert werden und die jahrzehntelange Bildungsarbeit der Volkshochschule zu den Themen Rechtsextremismus und NS-Geschichte.

Zahlreiche Vertreter von Stadtverwaltung, Parteien und Aachener Zivilgesellschaft kamen gestern zum Runden Tisch gegen Rechtsextremismus zusammen. Foto: Michael Klarmann


Stadt Aachen: Das Fanprojekt soll gestärkt werden 

Stadtdirektor Wolfgang Rombey sagte bei dem anschließenden Pressegespräch, man verurteile Gewalt generell. So wie die Stadt auf Naziaufmärsche mit der Kampagne „Wir sind Aachen – Nazis sind es nicht“ reagiert habe, sei es denkbar, eine Kampagne anzuschieben unter dem Motto „Wir sind Alemannia – Nazis sind es nicht!“

Rombey erklärte zudem, man wolle das Fanprojekt finanziell stärken, wichtig sei es dann jedoch, dass künftig auch wieder mit der KBU und deren Umfeld gearbeitet werde. Ziel sei es dabei auch, Rechtsextremisten aus der Gruppe und deren Umfeld herauszudrängen. Polizeipräsident Klaus Oelze sagte, das Fanprojekt sei derzeit auf einem guten Weg. Seine Behörde werde derweil bei der Strafverfolgung „alle Möglichkeiten ausschöpfen“, damit „die Herren“ aus dem Lager der Problemfans nicht „völlig aus dem Ruder laufen“. Man wolle auch den „rechtsextremen Flügel“ der KBU in den Griff bekommen, sagte Oelze. Frithjof Kraemer kündigte an, der Verein werde künftig entschlossen handeln. Ein Dialog mit Vertretern der KBU habe zu keinem Erfolg geführt, der „Vertrauensvorschuss“ sei aufgebraucht. Die KBU und deren Umfeld seien klar gewaltbereit und würden „ganz klar von rechts unterwandert“.

 

Polizeipräsident Klaus Oelze, Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer und Stadtdirektor Wolfgang Rombey (von links) informierten die Öffentlichkeit über die nächsten Schritte gegen rechtsgerichtete Alemannia-Fans. Foto: Michael Klarmann


Club informiert Öffentlichkeit über Details erst am Donnerstag 

Kraemer kündigte an, bis Donnerstag werde der Fußballklub noch Gespräche mit Behörden und Polizei, dem Deutschen Fußballbund (DFB) und Initiativen führen. Dann verkündete Schritte seien eine „vielschichtige, komplexe Angelegenheit“, die noch letzter Absprachen und rechtlicher Absicherungen bedürften. Alemannia-Pressesprecher André Schaefer hatte Anfang August in der Lokalpresse wegen der KBU angekündigt, dass der Verein auch ein komplettes Gruppenverbot auf dem Tivoli nicht mehr ausschließe. Zur Debatte steht auch der Entzug von Privilegien, die Fangruppen üblicherweise eingeräumt werden. Kraemer sagte am Montag, der Verein habe bei der KBU lange auf Dialog gesetzt. Unterdessen wisse der Fußballklub, dass die Gespräche nicht gefruchtet haben. 

Hilflos wirkender Dialog  

Offenkundig, so darf angenommen werden, ein nicht nur sehr langwieriger, sondern ebenso zeitweise sehr hilflos wirkender Dialog. Denn Mitte 2010 hatten Fußballfans die sich zunehmend auch gesellschaftskritisch engagierenden ACU verlassen und die neue Gruppe namens „Karlsbande“ respektive „Karlsbande Ultras“ (KBU) gegründet. Die KBU wollen sich als unpolitisch verstehen und das reine Fansein in den Fordergrund stellen. Entgegen des eher kreativen „Supports“ von Alemannia Aachen durch die ACU wollten die KBU auch wieder „prolliger“ auftreten. Unter den Leuten der KBU und in deren Umfeld wurden auch wieder Personen aktiv, die die ACU zuvor wegen ihrer politisch rechten Ansichten oder einer Nähe zum Hooliganismus ausgeschlossen hatten.

In der Folge glich das Auftreten unter anderem von KBU-Leuten dem der „Hooltras“, wie der Fanforscher und Soziologe Gunter A. Pilz, Professor an der Universität Hannover, das Phänomen nennt. Die Gewaltbereitschaft zeigte sich etwa schon im November 2010 nach einem Amateurspiel und im September 2011 nach einem Zweitligaspiel, als teils vermummte Hooligans und KBU-Leute in großen Gruppen versuchten, die Busse gegnerischer Fans im Umfeld des Tivoli anzugreifen. 2011 kam es bei Auswärtsspielen zu Vorfällen mit Fans aus Aachen, auch hier waren Hooligans, KBU-Leute und eine Handvoll Neonazis beteiligt. Im September 2011 erklärte die Polizei, sie werde künftig die „Karlsbande“ verstärkt beobachten.

Doch das Auftreten der KBU sorgte in der organisierten Fanszene und in der Vereinsspitze von Alemannia Aachen schon seit Frühjahr 2011 für heftige Diskussionen und Empörung. Der damalige Alemannia-Manager Erik Meijer sagte im Mai 2011 im Interview mit der „Aachener Zeitung“ zu der Gruppe, ohne diese namentlich zu nennen: „Wir haben eine Gruppierung in der Ultraszene, die sehr problematisch ist, weil sie glaubt, dass sie ihren eigenen Weg gehen kann. Ich kann nicht akzeptieren, wie sie dem Verein mit ihren Aktionen schaden. Das kostet Geld, Zeit und einen guten Ruf. Die vielen normalen Fans leiden unter den paar Schwachmaten.“ Seitdem haben die Gewalttaten und Aktivitäten von KBU und deren Umfeld massiv zugenommen – und Alemannia Aachen blieb trotzdem im Dialog, so Kraemer am Montag. 

Rechtsoffene Fanstrukturen führen Kampf ums Stadion 

Zu der von Polizei als „Rechts-Links-Konfrontation“ eingestuften Problematik in der Alemannia-Fanszene sagte der Politikwissenschaftler Richard Gebhardt bei seinem gestrigen Vortrag vor dem Runden Tisch: „Die Alemannia hat kein Problem mit zwei rivalisierenden Fangruppen oder mit einem politischen Umfeld, das unter einem abstrakten Extremismusbegriff subsumiert werden kann. Die Alemannia hat – und dies schon seit Jahren – ein ganz konkretes und massives Problem mit rechtsoffenen Fanstrukturen, die auf dem Tivoli einen dezidierten Kampf um das Stadion führen und dabei gezielt gegen jene Fangruppen vorgehen, die sich mit antirassistischen Positionen und einem eigenen Stil gegen die Einflussnahme rechter Gruppierungen und Einzelpersonen wenden.“ 

Als wollten Teile der sich als völlig unpolitisch ansehenden Fanszene dies unterstreichen, gründeten Fans vor Tagen im sozialen Netzwerk „Facebook“ die Seite „ACU raus aus dem Stadion. Politik bleibt Politik Fußball bleibt Fußball“. Gerade einmal 222 Personen haben auf „Gefällt mir“ geklickt, darunter normale Stadiongänger, aber auch Hooligans und Rechtsextremisten. Der Untertitel der Gruppe lautet: „Politik und Hetze wird von der ACU ins Stadion getragen. In diesem Sinne Raus aus unserem Stadion[.]“ Zum Runden Tisch gegen Rechtsextremismus haben die Initiatoren der Seite sich am Montag auch ihre Gedanken gemacht: „Heute trifft sich in Aachen alles ohne Rang und Namen um mal wieder über das Thema des Jahrhunderts zu sprechen.“

Am von Oberbürgermeister Marcel Philipp initiierten Runden Tisch beteiligen sich Lokalpolitiker aus Parteien und Wählerinitiativen, Vertreter religiöser Gemeinschaften, lokaler Bildungseinrichtungen sowie von Initiativen gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Gestern nahmen auch der Fanbeauftragte von Alemannia Aachen und die Leiterin des Fanprojektes teil, zudem Stadtdirektor Rombey, Polizeipräsident Oelze, Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer und Alemannia-Präsident Meino Heyen. Alles ohne Rang und Namen? Offenkundig ist das angeblich unpolitische Handeln der „Facebook“-Seite „ACU raus aus dem Stadion. Politik bleibt Politik Fußball bleibt Fußball“ als extrem politisch anzusehen. (mik/dc)