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NRW rechtsaußen

Innenminister verbietet „Kameradschaft Aachener Land“

Aachen./Region: Seit heute morgen um 6 Uhr ist die neonazistische „Kameradschaft Aachener Land“ verboten. Anlässlich des Verbotes durchsucht die Aachener Polizei seitdem Wohnungen von Rechtsextremisten im Raum Aachen, Düren und Heinsberg. Es handelt sich dabei laut Polizeisprecher Paul Kemen „um den umfangreichsten Schlag gegen Rechtsextreme im hiesigen Bereich.“ Mehr als 200 Beamte sind im Einsatz und fast 50 Objekte werden laut Behörden durchsucht. Städte und Behörden in der Region fordern seit längerer Zeit das Verbot der als radikal und militant eingestuften Neonazi-Bande.

Das Verbot ist Teil einer größeren Aktion gegen Neonazis in Nordrhein-Westfalen. Innenminister Ralf Jäger (SPD) hat das Verbot von insgesamt drei „Kameradschaften“ erlassen. „Wir reißen damit große Löcher in das Netzwerk der Neonazis“ sagte er dazu heute morgen in Düsseldorf. Die drei aktivsten Neonazigruppierungen in NRW („Nationaler Widerstand Dortmund“, „Kameradschaft Hamm“ und die „Kameradschaft Aachener Land“) seien ab sofort aufgelöst. Ihr Vermögen wird beschlagnahmt, ihr Besitz eingezogen und das Tragen ihrer Symbole verboten, so Jäger. Das Landesinnenministerium will auf einer Pressekonferenz um 13 Uhr, die Polizei Aachen gegenüber Medienvertretern um 15 Uhr Ergebnisse der Untersuchung mitteilen.

In der Region wurden heute rund 50 Objekte durchsucht. In Jülich (Foto) wurden dabei auch Waffen beschlagnahmt. Foto: Michael Klarmann

Mitglieder der KAL verübten zahlreiche Straftaten

Die „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) wurde 2001 gegründet, allerdings gibt sie seit geraumer Zeit selbst an, erst 2002 gegründet worden zu sein. Sie war eine der ältesten aktiven „Kameradschaften“ in Deutschland, deren Mitglieder seit Anbeginn durch zahlreiche Straftaten wie Körperverletzung, Sachbeschädigungen, Propagandadelikten, Bedrohungen und Volksverhetzungen aufgefallen sind. Mehrere aktive und ehemalige Mitglieder blicken auf zahlreiche Verurteilungen vor Gericht und sogar Haftstrafen zurück. KAL-Mitglieder fielen zudem schon wegen einer Geiselnahme und Sprengstoffdelikten auf.

Aktiv in der gesamten Region

Auch wenn die KAL zeitweise in der Städteregion Aachen besonders aktiv war, so orientiert sich das „Aachener Land“ im Namen an den alten Landkreis Aachen, zu dem auch die Kreise Düren und große Teile des Kreises Heinsberg gehören. So verorteten die Behörden denn auch lange den Schwerpunkt der KAL-Aktivitäten im Kreis Düren, in den letzten Jahren trat die KAL zudem vermehrt mit Sprühaktionen und Gewalttaten im Raum Heinsberg in Erscheinung. Zeitweise war die KAL untergliedert, so traten KAL-Mitglieder etwa selbst als „Sektion Nordeifel“, „Fighting Crew – Aix La Chapelle“, „Sektion Westwall“ oder „Ortsgruppe Düren“ auf. Teilweise kursierten auch Namen wie „Sektion Herzogenrath“, „Sektion Alsdorf“ und „Sektion Stolberg“ für örtliche KAL-Untergruppen.

Die "Kameradschaft Aachener Land" - hier bei einem Aufmarsch in Stolberg - war seit 2001 in der gesamten Aachener Region aktiv. Foto: Michael Klarmann

Sowohl die beiden Gründer als auch der Kopf der Neonazigruppierung, der „Kameradschaftsführer“ René Laube aus Vettweiß-Kelz, haben ihre Wohnsitze im Kreis Düren. Die KAL organisierte gemeinsam mit der NPD oder anderen Neonazis Aufmärsche in der Region. Abseits solcher öffentlichen Aktionen veranstaltete die KAL im Aachener Umland auch Treffen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden und die konspirativ vorbereitet wurden. Neben „Erntedankfestfeiern“ und „Julfesten“ hat sich in den letzten Jahren mit dem „Schlagetertreffen“ ein weiterer Termin etabliert, an dem der nationalsozialistischen Märtyrerfigur Albert Leo Schlageter gedacht werden soll. Diese Treffen fanden seit 2005 – Ausnahme: 2012 – jährlich Mitte bis Ende Mai unter dem Motto „Tag des nationalen Widerstandes“ überwiegend im westlichen Rheinland statt.

Verherrlichung des Nationalsozialismus

Wiederholt war es rund um den 20. April („Führers Geburtstag“) zu Sprühaktionen der KAL gekommen, in denen Adolf Hitler gehuldigt bzw. ihm „gratuliert“ wurde. Auch auf ihrer Internetseite „gratulierte“ die KAL Hitler schon auf strafrechtlich relevanter Weise anlässlich des „Führer Geburtstages“. Einer Antifa-Gruppe, die 2007 zu einer Gedenkveranstaltung in das ehemalige KZ Buchenwald reisen wollte, wurde – in Anlehnung an die Deportation durch die Nationalsozialisten und die SS – in einem Hetztext empfohlen, mit „einem alten Viehwagon“ anzureisen, die KAL werde „das Wachpersonal stellen“. Unterdessen steht die Homepage der KAL wegen zahlreicher solcher Delikte auf dem Jugendschutzindex und ist über Internet-Suchmaschinen nicht mehr auffindbar. Die Strafverfolgungsbehörden führten zeitweise Ermittlungen gegen die KAL auch wegen der virtuell begangenen Straftaten.

Die Mitgliederstruktur der KAL war vergleichsweise heterogen, so fanden sich hier neben „klassischen“ Neonazi-Skins und rechten Hooligans auch „Autonomen Nationalisten“ (AN) und Jugendliche, denen äußerlich keine Zugehörigkeit zur extremen Rechten anzusehen war. Die „Kameradschaft“ selbst verfügte über feste Strukturen. Die Mitglieder trafen sich regelmäßig, um Aktionen und Strategien zu beraten. Brisante Aktionen oder gezielte Angriffe wurden nur im kleinen Kreis besonders eingeschworener „Kameraden“ geplant und durchgeführt. Einmal im Jahr fand eine Jahreshauptversammlung statt. Über Mitgliederzahlen gab es keine genauen Angaben, zeitweise war von rund 20 die Rede, meist wurde in Szenekreisen eine höhere Zahl angegeben. So berichteten Szenevertreter im Jahre 2010, dass die KAL 30 bis 60 Mitglieder haben soll.

Unklar blieb dabei, ob bei den Angaben auch Mitläufer und Anwärter mitgezählt wurden, die nicht als Vollmitglieder angesehen werden. Interessenten oder „Kameraden“ anderer Zusammenhänge zählten etwa zum „Umfeld“ oder als Mitläufer. Neonazis, die sich der KAL anschließen wollten, wurden – ähnlich wie in einem Rockerclub – „Anwärter“. Normalerweise mussten sich diese in ihrer Probezeit als „Anwärter“ – angelegt meist auf sechs Monate – als vertrauenswürdig und zuverlässig – etwa bei der Begehung von Straftaten – beweisen, bevor sie die Vollmitgliedschaft erlangten. Erst dann durften sie entsprechende Signets auf ihrer Kleidung beziehungsweise das „T-Hemd“ der KAL tragen oder sich selbst als KAL-Mitglied bezeichnen.

"Ein guter Tag für die Region"

Vereinzelt sind aktive oder ehemalige KAL-Mitglieder schon durch Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz aufgefallen. „Dies ist ein guter Tag für die Region,“ sagte der DGB-Vorsitzende Ralf Woelk zum Verbot der KAL und weiterer Kameradschaften in NRW. Dennoch gelte es gerade jetzt wachsam zu sein, denn mit dem Verbot der Organisationen seien die handelnden Personen nicht von der Bildfläche verschwunden.

Michael Klarmann