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Drohungen und Hassparolen auf dem Theaterplatz

Aachen. Bürgermeister Björn Jansen (SPD) findet das braune Spektakel „sehr erschreckend“ und „gespenstig“. Auf dem Vorplatz des Theaters haben sich rund 100 Neonazis im Quadrat aufgestellt. Fast jeder Dritte hält eine Schwarze Fahne, dass Banner der neonazistischen „Freien Kräfte“, oder eine Flagge in den „Reichsfarben“ Schwarz, Weiß und Rot. Die Fahnen wehen im Wind, während Redner gegen Justiz, Polizei und Demokratie wettern.

Die Polizei hat das Areal hermetisch abgeriegelt, rund 400 Gegendemonstranten stehen an den Absperrungen, machen Lärm, skandieren Parolen. Ab und zu fliegen Obstteile und Schneebälle in Richtung der Neonazis, die Polizei greift hart durch und nimmt drei mutmaßliche Werfer oder „Störer“ in Gewahrsam. 

"Die Rechte" - Kundgebung in Aachen

Martialischer Aufmarsch auf dem Theaterplatz. Foto: Michael Klarmann

Aachen, Samstag, 16. März. Gegen Mittag beginnt hier für die Neonazis eine „Kundgebungstour“, die sie später noch nach Mönchengladbach und Düsseldorf führen wird. Sie demonstrieren für die Freilassung inhaftierter „Kameraden“. Organisiert hat die Busreise die neonazistisch geprägte Partei „Die Rechte“ (DR). Es sind überwiegend militante Neonazis verbotener „Kameradschaften“ vor Ort, die zum Teil heute der DR angehören. Aber auch NPD-Kader sind unter den Teilnehmern. So tritt Manfred Breidbach, stellvertretender Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Düsseldorf/Mettmann, als einer der Redner auf. Ebenso anwesend sind Nadine Braun, Chefin besagten Kreisverbandes, und Hans-Joachim Voß, Vorsitzender des NPD-Kreisverbandes Hamm/Unna. Beide gehören dem nordrhein-westfälischen Landesvorstand der NPD als Beisitzer an. Voß wird später sogar eine schwarze Fahne der neonazistischen „Freien Kräfte“ halten. Aus Dortmund mitgekommen ist auch der DR-Funktionär Siegfried „SS Siggi“ Borchardt, ein neonazistischer Hooligan und eines der Urgesteine der nordrhein-westfälischen Neonazi-Szene. 

Angereist sind die Neonazis aus dem Rheinland, darunter auch ehemalige Mitglieder und Führungskader der verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL), mit einem Reisebus eines Unternehmens aus Jülich (Kreis Düren). Neonazis aus dem Ruhrgebiet, darunter auch ehemalige Mitglieder und Führungskader der verbotenen „Kameradschaft Hamm“ und des „Nationalen Widerstandes Dortmund“, steuerten Aachen mit dem Bus eines Essener Unternehmens an. Die „Kundgebungstour“ steht unter dem Motto „Gegen die staatliche Verfolgung von Deutschen – Freiheit für alle politischen Gefangenen“

André Plum, Funktionär der Neonazi-Partei "Die Rechte" aus Aachen

Der Aachener "Die Rechte"-Funktionär André Plum (Bildmitte). Foto: Michael Klarmann

Hauptanliegen ist die Kritik an einem Prozess gegen „Kameraden“ der mutmaßlich kriminellen Vereinigung „Aktionsbüro Mittelrhein“ (ABM) in Koblenz. So verliest denn auch der Mitorganisator der „Kundgebungstour“, das ehemalige KAL-Mitglied André Plum aus Aachen, ein Grußwort des Neonazis Sven Skoda (Düsseldorf, Bad Neuenahr), das dieser aus der Untersuchungshaft (Skoda: „Gesinnungshaft“) heraus beigesteuert hat. Plum, 2008 noch Bezirksschülerprinz der Schützenbruderschaften und vor Jahren noch erfolgsreicher Spieler in einer Lacrosse-Mannschaft eines Aachener Sportvereins, hat heute mit dieser bürgerlichen Vergangenheit kaum noch etwas zu tun. 2010 tauchte er in der Neonazi-Szene auf, gehörte einer Gruppe um die neonazistischen Sprengstoffbastler Falko W. und Daniel T. an, radikalisierte sich weiter und riskierte deswegen auch vorzeitig seine Lehrstelle. Heute ist er Vorsitzender des DR-Kreisverbandes Aachen, führt die Landesliste seiner Partei zur kommenden Bundestagswahl an und unterhält gute Kontakte in die rechtslastige Hooligan- und Ultra-Szene von Alemannia Aachen. 

Solidarität mit Rocker-Banden und Holocaustleugnern

Nach Plum tritt NPD-Mann Breidbach an das Mikrophon und wettert gegen die „totale Meinungsdiktatur“ des „asozialen Systems“, womit er die Demokratie meint. „Politische Oppositionelle“ nennt der Düsseldorfer, der bekannt für seine radikalen Reden ist, seine „Kameraden“. Und diese würden vom Staat ebenso zu Unrecht kriminalisiert und verfolgt wie Angehörige von Rocker-Banden und Fußball-Anhänger. Eine eigenwillige Sichtweise. Den Holocaust-Leugner Horst Mahler nennt Breidbach einen „Dissidenten“. Landesinnenminister Ralf Jäger, der in der Vergangenheit durch Verbote von „Kameradschaften“ und Rocker-Clubs aufsehen erregt hatte, sei nicht der Jäger, sondern der „Gejagte“. Er lebe anonym und habe „Angst vor der Rache des eigenen Volkes“, so Breidbach. 

Drohungen gegen die Polizei

Es folgen weitere Reden. Die Neonazis, eine Reihe davon einschlägig schon wegen Meinungs- und Gewaltdelikten mit der Justiz in Konflikt geraten oder vorbestraft, fühlen sich als zu Unrecht „Verfolgte“. Der vor einem Jahr noch dem linken Spektrum angehörende Lukas B. (Wuppertal) tritt ans Mikrophon. B., mittlerweile „Kamerad“,  kritisiert ein Gerichtsurteil aus Wuppertal. Kürzlich wurden gewalttätige Neonazis zu Haftstrafen verurteilt, weil sie mehrere Personen brutal angegriffen und verletzt hatten.

Ein weiterer Redner erinnert später unverhohlen Polizei und Justiz daran, sie unterstünden der jeweiligen Regierung und sollten sich vorsehen, falls es wieder zu einem Machtwechsel komme und die „Kameraden“ dann am Ruder seien. „Das ist keine Drohung, das ist ein Versprechen!“ sagt der Neonazi. 

Neonazis mit Presseausweis 

Kurz zuvor hatte es noch Irritationen unter Polizeibeamten gegeben. Die DR-Führungskader Sascha Krolzig (Hamm) und Michael Brück (Dortmund) sowie zwei weitere Neonazis fotografieren unter anderem Gegendemonstranten ab und provozieren sie teilweise. Als Polizisten das Quartett abdrängen und wieder in die neonazistische Kundgebung zurückschicken wollen, weisen sich alle vier indes mit Presseausweisen aus und dürfen sich weiter zwischen den „Kameraden“, Polizeisperren und Gegnern hin und her bewegen. Krolzig ist DR-Chef in Hamm und gehört dem DR-Bundesvorstand an. Brück ist Mitglied im Landesvorstand NRW von „Die Rechte“ und Betreiber eines Versandhandels, der über die aussagekräftige Internetadresse antisem.it erreichbar ist.

Neonazis nutzen Presseausweise in Aachen

Eben noch Versammlungsteilnehmer, dann plötzlich Journalisten. Neonazis fotografieren Gegendemonstranten Foto: Michael Klarmann

Angemeldet ist die Kundgebung von 12 bis 13 Uhr. Weil die Polizei allerdings anfangs von Plum vorgeschlagene Ordner nicht akzeptiert, kommt es zu Verzögerungen. Rechtsrock schallte zu Beginn lange über den Theaterplatz, die Neonazis hinter der Absperrung – darunter der ehemalige „Kameradschaftsführer“ der KAL, René Laube – feixten gegenüber den Gegendemonstranten, die wiederum Parolen gegen die Neonazis skandierten. Erst gegen 13 Uhr begann dann die Kundgebung. Rund 45 Minuten und einige Reden später löst sie sich auf. Die Neonazis marschieren zurück zu den beiden hinter dem Theater wartenden Reisebussen und fahren über die Theater- und Wilhelmstraße mit Polizeieskorte in Richtung Autobahn – weil man in Mönchengladbach „einmarschieren“ werde, wie jemand über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet.

Michael Klarmann